Ensemble auf Zeit


 

 Die Versöhnung von Chaos und Struktur – Freie Improvisation in der Galerie auf Zeit

 

 

Kulturblog38 vom 6. Juli 2015   •   Text:Klaus Gohlke   •   Fotos: Grzegorz G. Zgraja

Eigentlich ein Unding! Sieben Musiker versammeln sich und musizieren. Was ja noch kein Wunderwerk ist. Nur: Diese Sieben auf einen Streich haben keine Notenständer vor sich. Sie fragen ab, wer denn beginnen wolle. Der Bassist nimmt es in die Hand. Heinrich Römisch, keinem Jazzer in Braunschweig unbekannt. Er liebt die tiefen Lagen und sich wiederholende Tonfolgen. Matthias Wandersleb am Schlagzeug greift das gern auf, aber sehr zurückhaltend, abgedämpft. Tja, und nun müssen die Holz- und anderen Bläser sehen, wie sie mit diesem Ton-Fundament umgehen wollen.

Reinhard Schiel versucht es mit Verstörung: Sein Sopran-Sax wird mit viel Druck hochtönig gespielt. Das ist kontra Bass. Marcel Reginatto am Saxofon und Jose Gaviras an der mit Hall unterlegten Flöte wählen eine anderen Weg. Sie nehmen die Harmonie-Angebote des Basses auf und entfalten sie. Töne wie an einer Perlenschnur in den unteren Lagen, die sich immer stärker den Rhythmusvorgaben von Bass und Schlagzeug anpassen. Was fällt Walter Kulgatz dazu an der Trompete ein? Er setzt starke rhythmische Akzente mit nur wenigen Tönen. Elmar Vibrans bleibt auf der Klarinette noch etwas unentschieden im Hintergrund. Aber mit einem Mal beginnt alles zusammen zu fließen.

Die starke sich ununterbrochen wiederholende rhythmisch-melodiöse Figur wirkt nachhaltig auch auf die Zuhörerinnen und Zuhörer. Erstaunlich viele Kunstinteressierte ließen sich am Mittwochabend von der zweiten Folge der Reihe „Just music and more“ in die „Galerie auf Zeit“ in der Schlosspassage locken. Zu viele für den kleinen Raum, weshalb etliche bei bestem Wetter von draußen zuhörten! Aber der Groove, den die Improvisatoren da entfalteten, lockte doch etliche hinein, um dem Pulsen der Musik näher zu kommen.

Das alles läuft ohne Netz und doppelten Boden, lebt von den Ideen, die die Spieler im musikalischen Prozess entwickeln. Das geht aber nur, soll es nicht zu individualistisch-willkürlichem Gespiele werden, wenn man einander zuhört. Jeder Spieler bringt seine musikalische Geschichte, seine Hör- und Spielerfahrungen ein.

Das sind nun nicht direkte Zitate, die da auftauchen. Stilepochen aber werden erkennbar. Rasante Bebop-Passagen etwa, Swing-Einschübe. Mitunter scheint Miles Davis‘ „In a silent way“ aufzutauchen, etwa wenn Matthias Wandersleb ganz in Tony-Williams-Manier mitten im allgemeinen Gebrodel die Arbeit an der Snare und den Becken urplötzlich unterbricht, um diese genauso urplötzlich wieder fortzusetzen, eine Art Drum-Turbo.

Und dann steckt natürlich auch solides musikalisches Wissen im Interplay. Dass man also möglichst viele musikalische Parameter abrufen kann, um den Spielverlauf zu beeinflussen. Und weil das eben ohne Netz und doppelten Boden abläuft, kann die „Echtzeit-Komposition“ natürlich auch mal mühsam und zäh werden, eventuell gar scheitern. So faserte das Ende der Kollektivimprovisationen mitunter sehr aus. Weil das alles urdemokratisch abläuft, es gibt ja nicht den dirigierenden Maestro, bedarf es des Feingefühls jedes einzelnen Musikers, den Prozess auf sein Funktionieren hin einzuschätzen.

Marcel Reginatto erinnerte zu Beginn des Abends an den kürzlich verstorbenen Ornette Coleman und seine Idee des „Free Jazz“ im Sinne des befreiten Jazz. Befreiung von einengenden Regeln, Öffnung für vielfältige Einflüsse, Entfaltung größtmöglicher Kreativität. Der Abend verlief durchaus im Sinne Ornettes und begeisterte. Ein begeisterter Gast: „Wenn die das hier mit der Musik so weitermachen… Donnerwetter und herzlichen Glückwunsch!“ Genau.